„Diese Gesellschaft braucht unser Wort und unser Tun. Das mahnende Wort und die konkrete Tat.“
Iserlohn-Oestrich. „Deshalb ist es wichtig, dass wir unseren Zusammenkünften nicht fernbleiben, wie einige sich das angewöhnt haben, sondern dass wir einander ermutigen.“ Als wäre der Vers aus dem Hebräerbrief nicht vor ca. 2000 Jahren, sondern für uns heute geschrieben, erinnert er doch daran, dass wir einander brauchen, insbesondere in Zeiten wie diesen.
Füreinander. Für hier.
Da ist es gut, dass die Emmaus-Kirchengemeinde in Iserlohn Oestrich an diesem Buß- und Bettag zu einem besonderen Gottesdienst eingeladen hatte, in dem die diesjährige Diakoniesammlung eröffnet wurde.
Pfr. Uwe Schulte konnte deshalb im Regional-Gottesdient der Gemeinden Letmathe, Emmaus- und der Christus-Kirchengemeinde auch ganz besondere Gäste begrüßen. Außer dem Superintendenten, Pfr. Oliver Günther, waren von der Diakonie Mark-Ruhr der theologische Geschäftsführer Pfr. Matthias Börner und Prokuristin Heidrun Schulz-Rabenschlag, Fachbereichsleitung Soziale Dienste, zusammen mit dem Leiter des Zentrums Drittmittel und Fundraising, Pfr. Ulrich T. Christenn von der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe e.V. nach Iserlohn-Oestrich gekommen. Sie wollten mit der Eröffnung, den Sinn und Zweck und auch die neue Ausrichtung der Diakoniesammlung vorstellen, die unter dem Motto, „Füreinander. Für hier“ steht.
„Breit aus die Flügel beide …“, an der Orgel von Ute Renfordt im Spannungsfeld von Geborgen- und Zerrissenheit intoniert, griff sie die gegenwärtigen Gefühlswelten auf und führte die Besucherinnen und Besucher in den Gottesdienst und sein Thema ein.
Hatte Pfr. Uwe Schulte in seiner Begrüßung die Frage in den Raum gestellt: „Wo beginnen die Menschenrechte?“, gab es nach dem ersten gemeinsamen Lied, einige recht plastische Hinweise von Pfr. Matthias Börner und Heidrun Schulz-Rabenschlag, die sie in einem kleinen Anspiel vortrugen. Zu sehen war ein Koffer und ein leerer Stuhl und zu hören, wie schnell es gehen kann auf der Straße zu landen. „Plötzlich passt all das, was ein Leben ausmacht in einen einzigen Koffer.“ „Wir teilen Ihnen hiermit mit, dass wir Ihnen Ihre Wohnung fristlos kündigen!“
„Wer wenn nicht wir? Wer tritt ein für ihre Rechte?“
„Wenn die Hilfe und Unterstützung des Staates und der Städte nicht mehr greifen, die sich aus vielen Bereichen immer weiter zurückziehen, ist es wichtig, Programme vorzuhalten und finanziell zu unterstützen, die keine ausreichende Finanzierung durch die öffentliche Hand erhalten. Kirche und Diakonie übernehmen hier gemeinsam gesellschaftliche Verantwortung und federn an vielen Stellen den zunehmenden Rückbau staatlicher Strukturen ab – aber auch hier werden die Mittel immer weniger und Spenden immer wichtiger“, erläutert Pfarrer Matthias Börner.
Dazu gehören, um nur wenige aus unserer Region zu nennen, die Schuldnerberatung, die Wohnungslosenhilfe, die Sozial-, Migrations- und psychosoziale Beratung sowie die Beratungsstelle für arbeitslose Jugendliche der Evangelischen Jugendhilfe Iserlohn-Hagen. Ergänzt werden sie durch die Unterstützungssysteme direkt vor Ort, aus den Gemeinden heraus, die unbürokratische Hilfe leisten. Sie können mit der Unterstützung vieler Ehrenamtlicher die Stimme für die Leisen sein, die verstummt und ohne Sichtbarkeit sind.
Menschen brauchen ein Netz, das sie auffängt
„Die Realität zeigt: Das Leben ist zuweilen ungerecht, liebe Gemeinden!“, beginnt Superintendent Pfr. Oliver Günther seine Predigt und zeigt auf, dass wir für ganz viele Dinge, Zusammenhänge, Umstände, die unser Leben bestimmen und prägen nichts können. „Der eine wird mit dem silbernen Löffel im Mund geboren, der andere in der Gosse. … Der eine erbt Talent und Durchsetzungskraft, der andere Antriebsschwäche und gesundheitliche Beeinträchtigungen.“ Wir haben uns nicht ausgesucht in welche Situation wir hineingeboren werden, was wir bekommen und womit wir leben müssen. Die Voraussetzungen sind ungerecht verteilt. „Das Leben und die Unausgewogenheit der Gerechtigkeitsverteilung lassen den einen aus der Bahn fliegen und den anderen fröhlich seine Runden drehen.“ Aus eigenem Erleben weiß er, wie schwer es ist, nicht zu verzweifeln, sondern zu kämpfen und sagt: „Ich weiß nur eines: Alleine hätte ich es nicht geschafft. Am Buß- und Bettag mischt sich ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit und Demut in meine Gedanken ein.“
„Wir sind gefragt. Als Gesellschaft. Als Staat. Als Kirche. Als einzelne Christenmenschen. Du bist gefragt!
Eine fürsorgliche Gesellschaft hat die Aufgabe, für Ausgleich zu sorgen“, sagt Sup. Pfr. Oliver Günther. Der Hebräerbrief formuliert das so: „Und weil wir auch füreinander verantwortlich sind, wollen wir uns gegenseitig dazu anspornen, einander Liebe zu erweisen und Gutes zu tun. Deshalb ist es wichtig, dass wir unseren Zusammenkünften nicht fernbleiben, wie einige sich das angewöhnt haben, sondern dass wir einander ermutigen.“ (Hebr. 10,24.25)
Die Konsequenz kann für ihn nur sein: „Diakonie und Kirche – wir gemeinsam – miteinander und füreinander – stehen mit Jesus bei denen, zu denen sonst keiner mehr steht. Unser Platz ist dort, wo die Einsamkeit das Leben erbärmlich macht.“
Und er schließt daraus: „Gerechtigkeitsausgleich ist kein Luxus, den wir zur Disposition stellen können. Wenn wir das tun, opfern wir unser Gewissen.“ Deshalb bleibt nur:
„Unbeirrbar erinnern wir am Buß- und Bettag alle, die sich unseren Werten der Nächstenliebe verpflichtet wissen. Unbeirrbar erinnern wir einander an die Menschlichkeit, die Gott gewählt, um in dieser Welt zu sein. Unbeirrbar achten wir die Geringen hoch und schützen die Würde derer, die menschenunwürdig leben.“
Teilen ist eine dankbare schöne Tat
Was die praktische Konsequenz aus der Predigt ist, die hier nur eng zusammengefasst wiedergegeben werden kann, wurde im Anschluss von Pfr. Ulrich T. Christenn, der für das Spendenwesen in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe zuständig ist, im Gespräch mit Pfr. Matthias Börner erläutert.
„Schon seit mehr als 75 Jahren engagieren sich Menschen unter dem Dach von Diakonie und Caritas, um Hilfsbedürftigen zu helfen. Unbürokratisch und unmittelbar sollen die Spenden direkt bei den Menschen ankommen, die von Armut, Hunger, Ausgrenzung oder Einsamkeit betroffen sind. Die ökumenische Zusammenarbeit von Diakonie, Caritas und Kirchengemeinden und der direkte Kontakt zu den Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, sind Teil des Konzepts und der langen Erfolgsgeschichte der Spendensammlung. Wurde früher in erster Linie von Haustür zu Haustür gesammelt, gilt es heute sich auf die veränderten Zahlungsgewohnheiten der Menschen einzustellen. Wer in seinem Leben viel Gutes erfahren durfte, ist bereit zu spenden, denn Teilen ist eine dankbare schöne Tat. Doch Menschen werden immer weniger zu Hause angetroffen und haben seltener Bargeld zur Hand. Deshalb haben wir mit diesem Projekt den Weg in Richtung Digitalisierung eingeschlagen. Auf diesen Weg wollen wir natürlich alle mitnehmen und neue Weggefährten finden. Da ist es nur konsequent Spendenmöglichkeiten online und per Handy-App auch an der Haus- und Kirchentür einzuführen.“
Wie das geht, wurde nach dem Fürbittengebet und dem Segen an den Ausgängen von vielen ausprobiert und praktiziert, bevor es zu einem Zusammensein mit Imbiss, zu dem die Emmaus-Kirchengemeinde eingeladen hatte, in den Gemeindesaal ging. Aber auch leise Bargeldspenden fanden an den Klingelbeuteln statt.
Bereichert wurde der Gottesdienst durch den Da-Capo-Chor unter der Leitung von Ute Renfordt, mit den Chorsätzen: „Aus der Tiefe, rufe ich, Herr zu dir“ und „Herr, wohin sonst sollten wir gehen?“
Wer mehr über die Hilfsangebote vor Ort und die Möglichkeiten der Unterstützung und Mitarbeit erfahren möchte, kann direkt in seiner Kirchengemeinde anfragen und auch auf folgenden Internetseiten Informationen erhalten:
https://fuereinanderhier.org/ und https://www.diakonie-mark-ruhr.de/home.
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Text und Bild: Pfr. i.R. Bernhard Laß




