20 Jahre Schwelmer Tafel – kein Grund zu feiern
Schwelm. Passender hätte ein Jahrestag nicht fallen können: Am 1. Mai, also am Tag der Arbeit, gibt es die Schwelmer Tafel seit nunmehr 20 Jahren. Richtig viel Arbeit bedeutet die Lebensmittelausgabe von der Caritas Ruhr-Mitte und der Diakonie Mark-Ruhr an drei Tagen pro Woche. Vor allem für die ehrenamtlichen Mitarbeitenden, die mehr als 200 Kisten mit Lebensmitteln bestücken.
Geduldig stehen Frauen mit Kinderwagen, ältere Ehepaare, junge Alleinstehende und viele mehr an diesem Dienstag in der Schlange vor der Schwelmer Tafel an der Wilhelmstraße. Sie alle warten, bis sie an der Reihe sind. Da kann sich so mancher, der häufig ungeduldig an der Supermarktkasse steht, eine Scheibe von abschneiden. Hier wird nicht gemeckert oder sich beschwert. Die Wartenden unterhalten sich und freuen sich, wenn sie bei Caritas-Mitarbeiterin Marion Hahn schließlich an der Kasse stehen. „Einen Euro bitte“, sagt sie und prüft den Nachweis der Bedürftigkeit jeden Besuchers. Und dann kommen auch schon die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen Christiane Sartor und Angelika Stiens mit einer Kiste vollbepackt mit Lebensmitteln. Die Freude ist sichtlich groß bei der jungen ukrainischen Frau, als sie dankbar Obst, Gemüse, Brot und vieles mehr in eine Tüte packt. Ein wichtiges Zubrot bei dem knappen Haushaltsbudget, das ihr zur Verfügung steht.
Derweil verschwinden die zwei Ehrenamtlichen wieder im hinteren Bereich der Tafel, wo die Kisten zuvor bereits ab 8.30 Uhr gepackt werden. Christiane Sartor ist seit 2013 als Helferin dabei, Angelika Stiens seit 2012. „Wir haben hier bei der Tafel viel miterlebt“ sagen die beiden 77-Jährigen, während sie verdorbenes Obst und Gemüse aus der Lieferung aussortieren und die guten Stücke in die Verteilkisten packen. „Anhand der Tafelkunden kann man auch immer ein wenig das Weltgeschehen ablesen“, erzählen die beiden Schwelmerinnen.
Von anfänglich rund 80 Tafelkunden auf mittlerweile mehr als 200
So kamen in den Anfängen der Tafel, damals noch im Sozialkaufhaus der Diakonie, vor allem ältere Russland-Deutsche, bei denen die Rente nicht ausreichte. 2015 nahm die Zahl der Tafelkunden rapide zu, als viele Geflüchtete nach Deutschland kamen. Damals stieg der Zahl der Kunden bereits auf 140. „So viele hatten wir bis dahin noch nicht gehabt“ erinnern sich die zwei Helferinnen. Ab 2021, auch bedingt durch die Corona-Pandemie und die erschwerten Bedingungen bei der Ausgabe, stieg man bei der Tafel auf drei Ausgabetage um und das Befüllen von Kisten für jeden Kunden. „Vorher konnten die Menschen noch durch den Tafelladen gehen und sich ihre Lebensmittel selbst aussuchen, Das war während der Corona-Pandemie nicht mehr möglich und seitdem befüllen wir für jeden Kunden individuell die Kisten. Wir wissen, wie viele Familienmitglieder versorgt werden müssen, wie viele Kinder dabei sind und ob es bestimmte Lebensmittel gibt, die nicht gegessen werden können“ so Christiane Sartor.
2022 kam mit Ausbruch des Ukrainekriegs dann der zweite rasante Anstieg: von zirka 130 versorgten Familien stieg die Zahl auf über 200 – und ist seitdem auf diesem Niveau geblieben. „Die Wege in die Armut sind vielfältig“, sagt Marion Hahn von der Caritas. Sie und ihre Kollegin Stefanie Krah-von Reth von der Diakonie würden sich wünschen, dass in Deutschland alle Menschen gut versorgt sind und der Bedarf aller gedeckt werden kann, während gleichzeitig die große Lebensmittelverschwendung vermieden wird. Aber mit Blick auf die kommende Grundsicherung vermuten sie, wird es noch mehr Menschen in existenzieller Not und somit nochmal mehr Menschen vor den Tafeln geben.
Ohne Ehrenamtliche nicht möglich
Also halten die 30 ehrenamtlichen Helfer:innen jede Woche an drei Tagen in der Tafel weiter die Stellung. „Wir machen das, weil wir der Gesellschaft etwas zurückgeben möchten, ohne das funktioniert unsere Gesellschaft ja nicht“, sagt Angelika Stiens. In der Tat würde die Schwelmer Tafel ohne die Ehrenamtlichen nicht weiter bestehen. „Was sie hier stemmen, das ist einfach enorm und ein richtiger Knochenjob“, betont auch Marion Hahn. „Das ist unser Ersatz für die Muckibude“, sagt Christiane Sartor und bekommt Zustimmung von ihrem eingespielten Team. Sie ist häufig vorne an der Kasse und lässt es sich da nicht nehmen, immer auch ein freundliches Wort mit den Kunden zu wechseln. „Das sind dann einfach die kleinen Momente der Wertschätzung, die beiden Seiten guttun.“ Und wenn dann gleich noch Sprachunterricht gegeben wird, weil aus „Eisbergsalat“ „Eisbärsalat“ geworden ist, dann wird auch gerne mal herzhaft gelacht.
Neben den ehrenamtlichen Helfer:innen als tragende Säule der Tafel sind es auch die Spender:innen, die regelmäßig dafür sorgen, dass überhaupt genügend und abwechslungsreiche Lebensmittel verteilt werden können. Durch Geldspenden können die Ehrenamtlichen fehlende Lebensmittel dazukaufen. „Manchmal berühren aber auch die kleinen Spenden, wie ein Herr, der jede Woche einen Beutel mit haltbaren Lebensmitteln vorbeibringt“, so Angelika Stiens. Daneben gibt es immer auch viel Engagement rund um die Feiertage: Schulklassen, die Nikolaustütchen packen, Frauengruppen, die Osterpräsente zusammenstellen, ebenso wie Firmen, die in der Belegschaft sammeln oder Kirchengemeinden, die Spendenkörbe aufstellen. „Solange wir es schaffen, helfen wir auch weiter mit bei der Tafel“, sind sich die beiden 77-Jährigen einig. Ob es nochmal 20 Jahre werden, wird sich zeigen. Bestenfalls wird die Tafel dann nicht mehr von Nöten sein.
Sie können den Schwelmer Tafelladen mit Spenden unterstützen:
Spendenkonto:
Sparkasse Hagen
IBAN: DE10 4505 0001 0100 1885 67
Stichwort: SchwelmerTafelladen Diakonie Mark-Ruhr
Verwendungszweck: KST 4090
Bildzeile: Christiane Sartor (li.) und Angelika Stiens helfen seit vielen Jahren in der Schwelmer Tafel.
(Text und Foto: Patrizia Labus & Claudia Kook / Caritas Ruhr-Mitte)




