Diakonie Mark-Ruhr
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Verabschiedung von Jürgen Kafczyk: Ein Plädoyer für die Pflege


Iserlohn-Oestrich. Seit 27 Jahren hat Jürgen Kafczyk die stationäre Altenarbeit der Diakonie Mark-Ruhr inhaltlich und persönlich in besonderem Maße mit geprägt. Nach dem er am 1. August 1990 die Leitung des Johannes-Mergenthaler-Haus‘ in Schwerte übernommen hat, ist Jürgen Kafczyk über verschiedene Zwischenstationen am 1. Juli 2015 Geschäftsführer der Altenbetreuung mit ihren 14 Häusern geworden. Mehr als 1.200 Menschen versorgen, betreuen und pflegen die Mitarbeitenden in den Häusern der Diakonie Mark-Ruhr tagtäglich.

Jetzt steht der Schritt in den wohl verdienten Ruhestand an, am Freitag (1. Dezember) fand im Diakoniezentrum Oestrich die offizielle Verabschiedung statt.

„Wir danken Jürgen Kafczyk für sein Engagement, bei dem er zu jederzeit das persönliche Wohlbefinden unserer Bewohner fest im Blick hatte“, betonte dabei Geschäftsführer Volker Holländer, der in seinem Grußwort unter anderem auf die verschiedenen Bauprojekte einging, die Jürgen Kafczyk verantwortlich geleitet hat: das Altenheim Hermann-von-der-Becke in Hemer (2005), das Meta-Bimberg-Haus in Iserlohn-Hennen (2007), das Hans-Jürgen-Janzen-Haus in Fröndenberg-Frömern (2009) sowie das Diakoniezentrum Oestrich (2010). Ebenso sind in jüngster Vergangenheit die Bauprojekte des Heidehofs und des Haus‘ der Diakonie (beide Hattingen) und ganz aktuell der Umbau/ die Kernsanierung des Altenzentrums St. Jakobus in Breckerfeld zu nennen. „Darüber hinaus hat das Johannes-Mergenthaler-Haus in Schwerte eine umfangreiche Kernmodernisierung, fast kann man sagen einen Neubau, erhalten, welche in 2009 ebenfalls abgeschlossen werden konnte“, erinnerte Volker Holländer.

„Wie visionär diese Entwicklung war, erkennt man dann erst im Rückblick. Denn an fast jedem Standort wurden neben Altenpflegeheimen mit einem außergewöhnlichen Standard, auch Seniorenwohnungen mit direkter Anbindung oder in unmittelbarer Nähe zu den Altenpflegeheimen geschaffen. Wohnungen, die neben dem Attribut ‚seniorengerecht‘ auch das Angebot von Service und Versorgung bieten. Gerade das Thema ‚Sicherheit‘ ist für alte Menschen, die auch immer älter werden, aber noch in ihrer eigenen Wohnung leben möchten, ein wichtiges Kriterium. Und  - das habe ich persönlich in den vergangenen zwei Jahren von Ihnen, Herr Kafczyk, gelernt - alle Vorhaben, Pläne, Maßnahmen und Konzepte konsequent immer vom Bewohner, also vom alten Menschen und seinen Bedürfnissen, her zu denken.“

Im Interview spricht Jürgen Kafczyk über Meilensteine in der Pflege und seine fast 30 Jahre im Dienst der Diakonie Mark-Ruhr und damit im Dienst für Menschen, die auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind.

Vor 27 Jahren, um genau zu sein am 1. August 1990, sind Sie in den Dienst der Diakonie getreten und haben zunächst die Leitung des Johannes-Mergenthaler-Haus in Schwerte übernommen. Können Sie sich noch an ihren ersten Arbeitstag im Johannes-Mergenthaler-Haus erinnern?

Nein, daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Aber an die erste Zeit. Ich weiß noch, dass ich zu Beginn kein Büro hatte. Ich bin also mit Blick auf die räumlichen Rahmenbedingungen eher etwas behelfsmäßig gestartet. Parallel fanden auch Umbauarbeiten im Johannes-Mergenthaler-Haus statt, in diese Zeit fielen auch die Gründung und der Aufbau der Tagespflege. Aber ich wurde ungemein positiv und von allen Seiten mit offenen Armen in Empfang genommen. Ich konnte in einem tollen Team schnell neue Ideen einbringen. Zum damaligen Team gehörten beispielsweise Cornelia Altmann oder Sabine Eickel-Blosen, die heute selbst Hausleitungen sind. Kurzum: ich war begeistert.

Wenn Sie die Aufgaben, die eine Hausleitung  seinerzeit zu bewältigen hatte, mit den heutigen Herausforderungen vergleichen, wo liegen die Unterschiede, woran erinnern Sie sich besonders?

Im Johannes-Mergenthaler-Haus musste ich seinerzeit strukturelle Aufbauarbeit leisten. Aus einem klassischen Altenheim wurde ein Pflegeheim. Der Anteil von Menschen, die pflegebedürftig wohnen, nahm stetig zu. Es galt Pflege, Hauswirtschaft und den Betreuungsdienst zusammenzubringen und als Einheit zum Wohl der Bewohner in den Fokus zurück. Wir konnten gemeinsame Wertemodelle und neue Zielsetzungen entwickeln. Teamstrukturen und Organisationseinheitenschaffen und den Bewohner in den Mittelpunkt nehmen – das ist bis heute aktuell.

Überhaupt hat sich im Bereich der Pflege in den zurückliegenden Jahren vieles verändert. Wo sehen Sie die Meilensteine in der Entwicklung?

In den 90er Jahren konnten mehr Mitarbeitende und Auszubildende eingestellt werden, die Fachlichkeit in der Pflege wurde erhöht, die Demenzerkrankung konnte auf den Personalschlüssel mit angerechnet werden. Insgesamt war es eine sehr kreative und gute Situation für die Pflege. Durch die Einführung der Pflegeversicherung 1994 im ambulanten und 1996 im stationären Bereich kam es zu einer zusätzlichen Absicherung für die Bewohner, die Fachlichkeit hat auch weiter zugenommen, ebenso wie die Darstellung des Pflegeprozesses und die Installation eines Qualitätsmanagements. Das war ein Meilenstein. Der damalige Pflegeschlüssel für den stationären Pflegebereich ist indes bis jetzt gleich geblieben. Es gab zwar keine Einschnitte, aber es gab fortan eine nicht mehr so rasante Weiterentwicklung. Die Professionalisierung in der Pflege, mit den deutschlandweit allgemeinverbindlichen Standards, sind aber sicherlich mehr als sinnvoll.

Nicht alle politischen Entwicklungen in der Pflege fanden und finden Ihre Unterstützung, die generalisierte Pflegeausbildung ist in diesem Zusammenhang als Beispiel zu nennen. Blicken wir aber einmal nach vorne: was müsste sich in naher Zukunft noch verändern? Wo liegen die größten Herausforderungen?

Stimmt, ich bin nach wie vor davon überzeugt dass die Ausbildung in der Pflege politisch auch weiter ein Thema bleiben muss und die Einwände aus der Praxis gehört werden müssen. Die größte Herausforderung ist die Gewinnung von Fachkräften und die Frage, wie wir junge Menschen für den Bereich Pflege gewinnen können. Die Rahmenbedingungen, auch finanziell, haben sich schon positiv entwickelt. Wer gerne in Team-Strukturen arbeitet, ist in der Pflege genau richtig. Aber auch im Rahmen der Integration sind wir offen: Voraussetzung ist ein gemeinsames Werteverständnis im Umgang mit Senioren und Krankheit und natürlich die deutsche Sprache. Dafür bieten wir auch die notwendige Unterstützung.

Warum haben Sie sich seinerzeit für eine Ausbildung und einen Beruf in der Pflege entschieden?

Ursprünglich bin ich gelernter Industriekaufmann. Durch meinen Zivildienst in einem neurologischen Krankenhaus kam ich mit dem Arbeitsfeld Pflege und Betreuung in Kontakt und war begeistert von der Möglichkeit Menschen zu helfen. Das war die Weichenstellung, um eine Ausbildung in der Pflege zu absolvieren.

Was raten Sie jungen Menschen, die vor der Entscheidung stehen eine Ausbildung in der Pflege zu absolvieren?

Ich kann empfehlen im Vorfeld ein Praktikum zu machen, um diesen schönen und spannenden Beruf kennenzulernen. Der Beruf hat natürlich auch körperliche und vor allem emotionale Komponenten, auf die man sich einlassen können muss.

Wer eines der 14 Altenheime der Diakonie Mark-Ruhr betritt, erlebt „lebendige Häuser“ die fest verankert in die jeweiligen Orts- und Stadtteile sind. Das gilt sicherlich auch für Einrichtungen anderer Träger, dennoch gilt in weiten Teilen der Gesellschaft die Prämisse „ambulant vor stationär“. Wie erklären Sie sich, dass es Menschen gibt, die um Altenheime eher einen Bogen machen, anstatt die Vorteile wie Sicherheit, Qualität und Geborgenheit in den Blickpunkt zu nehmen?

Oft werden negative Beispiele nach vorne geschobene, die der Gesamtsituation nicht gerecht werden. Altenheime sind eine sinnvolle Form des Wohnens im Alter bei Demenzerkrankungen, Multimorbidität oder Einfach Einsamkeit. Sie dürfen nicht allein als Endstation verstanden werden. Gemeinsam alt werden, menschliche Begegnungen erfahren und zu erleben kennzeichnen den Alltag. Unsere Einrichtungen verzeichnen alle eine sehr hohe Wohnqualität. Wir beobachten, dass sehr viele in unseren Häusern einen dritten oder vierten Frühling erleben.

Sie haben sich in Ihrem gesamten Berufsleben stets für Menschen stark gemacht, die auf Unterstützung und Hilfe angewiesen waren. Was war dafür Ihr persönlicher Antrieb?

Neben meiner klaren Wertehaltung die biblisch begründet ist, hat sich bei mir auch vieles entwickelt. Begegnungen, Situationen haben mich geprägt. Ich erinnere mich noch gut an eine Weiterbildung im Jahr 1988, da habe ich das Buch „Hirnleistungsstörungen“ von Barry Reisberg gelesen, danach habe ich Prozesse und Besonderheiten im Zuge einer Demenzerkrankung verstanden, weil sich ein ganz neuer Blickwinkel aufgetan hat. Immer aktuell zu bleiben und Entwicklungen auf dem Gebiet der Altenhilfe zu sehen und zu verstehen, ist ein wichtiger Schlüssel.

Der 1. Januar ist offiziell ihr erster Tag als „Rentner“. Wie werden Sie diesen Tag verbringen und was sind Ihre Pläne für ihren neuen Lebensabschnitt?

Wahrscheinlich werde ich erstmalig an Sylvester einige Raketen starten und dann lasse ich meinen neuen Lebensabschnitt auf mich zukommen. Ich werde bestimmt in ehrenamtlicher Form etwas für Menschen tun. Die Arbeit mit alten Menschen hat mich erfüllt, ich blicke positiv auf mein Berufsleben zurück. Und ich gönne mir den Luxus einfach mal Dinge auszuprobieren.

Fotonachweis: Iserlohner Kreisanzeiger/Michael May