Diakonie Mark-Ruhr
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Flüchtlinge als Fachkraft statt Hilfsarbeiter


Hagen. In Guinea hat Mamadou Diallo schon als Bäcker und Taxifahrer gearbeitet. In Deutschland würde der 20-jährige Flüchtling gerne einen qualifizierten Beruf ausüben. Doch der Weg zur Fachkraft ist so beschwerlich, dass zwei Drittel der Geflüchteten in NRW in Helferjobs landet. Das kritisiert der Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW aus Anlass des morgigen „Welttages des Flüchtlings“.

„Qualifizierung und Bildung“ steht in großen Lettern über der Eingangstür, die Mamadou Diallo jeden Tag öffnet. Das Motto ist für den 20-jährigen Flüchtling aus Guinea Programm: In der ehemaligen Eckkneipe verbessert er sein Deutsch, paukt Mathematik, schreibt Bewerbungen, holt sich Hilfe für Behördengänge und Anträge. In den Pausen kocht und kickert er mit anderen jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren.

Das Förderzentrum für junge Flüchtlinge, das die Arbeit- Leben- Zukunft Hagen der Diakonie Mark-Ruhr gemeinsam mit Caritas und AWO betreut, ist für Mamadou Diallo zu einer zweiten Heimat geworden. Hier qualifiziert und bildet er sich für den deutschen Arbeitsmarkt. Seine Chancen auf einen Job stehen tatsächlich gut. Die Zahl der versicherungspflichtig beschäftigten Flüchtlinge hat sich in Nordrhein-Westfalen von März 2015 bis September 2018 mehr als vervierfacht und lag schließlich bei rund 60.000. Das belegt der neue Arbeitslosenreport der Freien Wohlfahrtspflege NRW.

Ohne Ausbildung kein guter Job
Doch die Hürden, einen Job als Fachkraft zu finden, sind nach wie vor hoch und der Weg dorthin ist lang. „Als ich vor zwei Jahren nach Deutschland kam, wusste ich nicht, was eine Ausbildung überhaupt ist“, erzählt Mamadou Diallo. „Und dass man sie braucht, wenn man hier eine gute Arbeit haben möchte.“ In Guinea ist er nicht lange zur Schule gegangen, hat stattdessen als Bäcker und Taxifahrer gearbeitet.
Einen Anspruch auf einen Integrationskurs hatte Mamadou Diallo nicht, weil er aus einem sogenannten „sicheren Herkunftsland“ kommt. Doch er spricht fließend Französisch und Englisch und hat seine Deutschkenntnisse mit Hilfe des Sprachunterrichts im Förderzentrum deutlich verbessert.

Viel Förderung nötig
Wie viel Förderung und gute Begleitung nötig ist, um junge Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit zu bringen, erlebt das achtköpfige Team des Förderzentrums jeden Tag. Rund 250 Geflüchtete unter 25 Jahren hat es seit seiner Gründung vor drei Jahren im Auftrag von Jobcenter und Arbeitsagentur betreut, 54 Prozent von ihnen sind auf den Arbeitsmarkt vermittelt, holten Schulabschlüsse nach oder nahmen an anderen Bildungsmaßnahmen teil. „Wir machen allen Mut, sich für eine Ausbildung zu entscheiden“, erklärt Projektleiterin Annette Jeschak von der Evangelischen Jugendhilfe Hagen. Zumal es durchaus spezielle Fördermaßnahmen wie Einstiegsqualifizierungen, ausbildungsbegleitende Hilfen oder eine assistierte Ausbildung mit Jobcoach gibt. Sie helfen den Flüchtlingen, sprachliche und kulturelle Hürden in der Berufsschule und am Arbeitsplatz zu nehmen.

Komplexe rechtliche Regelungen
 „Diese Programme bringen viel, kosten aber Zeit und Durchhaltevermögen“, betont Annette Jeschak. Und nicht jeder Flüchtling hat einen Anspruch darauf. Die rechtlichen Regelungen der Arbeits- und Ausbildungsförderung sind komplex und oft schwer zu durchschauen. Kein Wunder also, dass gut zwei Drittel der Geflüchteten in NRW nur im Niedriglohnbereich beschäftigt sind. Laut Arbeitslosenreport ist fast die Hälfte in Helferjobs tätig, mehr als jeder Fünfte in Leiharbeit. „Viele Flüchtlinge arbeiten deutlich unter ihren Möglichkeiten“, beobachtet Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann, der auch Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege NRW ist. Er plädiert dafür, allen Flüchtlingen, die in Deutschland eine Arbeitserlaubnis erhalten, sofort alle nötigen berufsvorbereitenden und ausbildungsfördernden Hilfen zu geben.

Ausbildungsplatz, aber keine Arbeitserlaubnis
Das wünschen sich auch viele der rund 80 Betriebe, mit denen das Förderzentrum in Hagen und Umgebung zusammenarbeitet. Sie wollen in die Flüchtlinge als Fachkräfte von morgen investieren, scheitern aber an Asylverfahren und rigiden Aufenthaltsbestimmungen. Thomas Triglone, pädagogische Fachkraft im Hagener Förderzentrum, hat einen jungen Mann aus Guinea betreut, dem ein Dachdecker einen Ausbildungsvertrag anbot.
Doch die dafür nötige Arbeitserlaubnis wurde ihm von den Behörden verwehrt. „Während der Dauer einer Ausbildung hätte man ihn nicht nach Italien abschieben dürfen, wo er zuerst einen Asylantrag gestellt hatte“, vermutet Thomas Triglone. „Für einen Hilfsjob bei McDonalds hat er sie dann bekommen.“

Abschiebungen trotz Qualifizierung
Die acht Mitarbeiter des Förderzentrums können viele solcher Geschichten erzählen. Jahrelang verbessern Flüchtlinge ihre Deutschkenntnisse, holen Schulabschlüsse nach, machen Praktika und bekommen schließlich einen Arbeitsvertrag. Doch dann droht die Abschiebung. „Wir haben Flüchtlinge erlebt, die so verzweifelt waren, dass sie sich das Leben nehmen wollten“, erzählt Annette Jeschak. Manchmal hilft der kurze Draht des Förderzentrums zu Jobcenter und Arbeitsagentur, die bei den Ausländerbehörden intervenieren. Manchmal hilft der Weg zum Anwalt. Mamadou Diallo ist ihn gegangen, als sein Asylantrag abgelehnt wurde. Im August könnte er eine zweijährige Ausbildung in der Systemgastronomie machen, die ihn vor einer Abschiebung schützen würde. „Für mich passt das alles nicht zusammen“, sagt Annette Jeschak. „Wir brauchen Fachkräfte und haben Flüchtlinge, die wir dafür qualifizieren können. Doch die Politik sorgt mit ihren rigiden Asylgesetzen dafür, dass viele hier keine Zukunft haben.“
Text und Fotos: Sabine Damaschke