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Essen auf Rädern
Dessert und ein freundliches Wort inklusive
Morgens um halb elf in Ennepetal. Draußen strahlt die Sonne, die Temperaturen steigen langsam in Richtung 30 Grad. Im Keller der Diakoniestation ist es angenehm kühl. Schwester Marion Wehrhahn genießt den Schatten, während sie graue Styroporboxen zählt, sortiert und schließlich in ihr Auto stapelt. Zur besten „Frühstückchenzeit“ trifft sie die letzten Vorbereitungen für das Mittagessen von 43 Menschen aus dem EN-Kreis, die das diakonische Angebot „Essen auf Rädern“ heute nutzen. „Das sind die Boxen von gestern“, erklärt sie mit Blick auf die isolierenden Kisten. „Die nehmen wir mit ins Altenzentrum und tauschen sie dort aus.“
Seit Mai bietet das Diakonische Werk Menschen in Ennepetal und Umgebung Mittagsmahlzeiten frei Haus. „Zwischen 40 und 50 Essen fahren wir jeden Tag aus“, erzählt Uschi Schulte, Leiterin der Diakoniestation. Die meisten Kunden sind auch Patienten der ambulanten Pflege, viele von ihnen leben allein. Die Besuche der Diakoniestation und des Essensdienstes sind an vielen Tagen die einzige Gelegenheit zu einem Gespräch.
Andere nutzen Essen auf Rädern aus anderen Gründen, wie Uschi Schulte weiß: „Ein junger Mensch mit Gipsarm oder eine Familie, in der es einen Diabetiker gibt, können das Essen genausogut buchen – mal zwischendurch oder auch für längere Zeit.“ 4 Euro 35 pro Essen kostet das schmackhafte Hauptgericht - Dessert und ein freundliches Wort inklusive.
Mittlerweile ist Marion Wehrhahn im Breckerfelder St. Jakobus angekommen. In der Küche des Altenzentrums wird um diese Zeit schon aufgeräumt. Küchenmeister Peter Siegrist sitzt in seinem Büro und plant bereits den nächsten Tag, während seine Kolleginnen die Spuren des heutigen Kochens beseitigen. 220 Mahlzeiten werden hier täglich produziert – „davon verlassen 150 das Haus“, erklärt der Schwabe.
Neben dem Küchenmeister sorgen eine Köchin, eine Diätassistentin sowie Hauswirtschafterinnen und Helferinnen dafür, dass das Essen täglich frisch und schmackhaft zubereitet wird. Was es heute gibt? „Rindfleisch in Meerrettichsauce, dazu Salzkartoffeln und Rote Beete. Und zum Nachtisch einen leckeren Schokoladenpudding“, zählt Meister Siegrist auf. Für einen jungen Gaumen ein ungewöhnliches Sommeressen. „Aber für ältere Leute gehört ein Stück Fleisch einfach zum Essen dazu“, weiß der Mann mit dem weißen Vorbinder.
Dass er den Geschmack seiner Kunden trifft, dafür sorgt auch das monatliche Treffen mit dem Heimbeirat – Bewohnerinnen und Bewohner des Altenheimes, die dem Koch mitteilen, wonach ihnen der kulinarische Sinn steht. „Wir machen fast alles möglich“, betont Siegrist. „Nur Reibeplätzchen für 220 Leute – das ist nicht drin“, lacht er. Dann müsste die Kochzeit von halb sieben auf vier Uhr vorverlegt werden.
Wieder zurück in Ennepetal, wird Schwester Marion schon erwartet. Zivi René und Friedrich Höh stehen neben ihren Autos, die Kirchturmuhr immer fest im Blick. „Die alten Leute warten natürlich schon auf uns“, weiß der freundliche Rentner aus Ennepetal. Rasch werden die Boxen aufgeteilt; den Tourenplan und ein paar Schlüssel hat der 67-Jährige schon im Handschuhfach.
Pünktlich um 11.30 Uhr geht´s vom Hof. „Die haben ja sonst nicht viel vor – also warten sie schon sehnsüchtig auf´s Essen“, hat Friedrich Höh viel Verständnis. So kann er die Ungeduld und auch den einen oder anderen vorwurfsvollen Blick auf die Uhr gut wegstecken.
Wenige Minuten später betritt Höh die erste Wohnung auf seiner Tour. Charlotte Mager liegt noch auf der schattigen Terrasse im Liegestuhl, doch als Friedrich Höh mit einem freundlichen „Mahlzeit!“ die Küche betritt, wird sie munter. „Oh, schön, Rote Beete ess ich am liebsten!“ freut sich die 89-Jährige. Kiste auf, Essen raus, Kiste wieder zu, und weiter geht´s – der nächste Kunde wartet schon.
„Viel Zeit geht durch die Fahrten verloren“, erklärt Friedrich Höh, der heute 13 Haushalte ansteuert. Etwa eineinhalb Stunden ist er unterwegs – „aber natürlich wollen alle ihre Mahlzeit um halb zwölf haben“, lacht er gutgelaunt. Das lässt sich trotz guter Tourenplanung in Ennepetal mit seinen verstreuten Dörfern und Stadtteilen nicht realisieren.
Obwohl er nur kurz verweilt, weiß Friedrich Höh viel über „seine“ Kunden zu erzählen. Wer im Krankenhaus war, wem es zur Zeit nicht so gut geht, wer viel Besuch hat. Bei manchen Kunden ist Höh neben der Schwester von der Diakoniestation der einzige Mensch, der im Laufe des Vormittags ins Haus kommt. Dann bringt der kurze Plausch über das Wetter nicht nur Unterhaltung und Abwechslung, sondern auch Sicherheit. „Einmal lag ein Patient im Flur, war gefallen“, erinnert sich Höh. „Zum Glück kam ich gerade mit dem Essen...“
Von Oberbauer geht´s nun nach Ennepetal zurück. Nur noch eine volle Box im Kofferraum, die leeren Kisten stapeln sich auf der Rückbank. „Ich hab das Essen selber probiert – es schmeckt gut und ist immer schön heiß“, weiß Friedrich Höh, worauf es den Kunden der Diakonie ankommt. Jetzt schnell die Stufen hoch zum letzten Patienten, ein letztes Ma(h)l „Mahlzeit!“, dann geht´s zurück zur Kirchstraße. Hier stapeln Friedrich Höh und die anderen Fahrer die leeren Styroporboxen im Schatten des Kellers. Bis morgen um halb elf in Ennepetal.
Weitere Informationen erteilt Schwester Uschi Schulte unter der Rufnummer 0 23 33 / 7 67 67.
